Wie alles begann minimieren  

„Beim ersten Schrill-im-April mussten wir beim Rektor antanzen.“
Dr. Uwe Reiter erzählt im Gespräch mit Martin Gauly von den Anfängen von “Schrill im April”

Martin: 
Deine Idee, eine schwule Kulturwoche zu veranstalten, fiel 1990 in der Schwulen Unigruppe auf fruchtbaren Boden. Wie war damals die Stimmung in der Karlsruher „Bewegung“?

Uwe: 
Die Karlsruher „Bewegung“ war damals geprägt von den Aktivitäten der Schwulen Unigruppe. Wir haben als „Schwung“ eine Vielzahl politischer und kultureller Veranstaltungen durchgeführt, die tatsächlich anfingen, etwas zu bewegen in der Stadt. Wir hatten dabei immer zum Ziel, auf der einen Seite Begegnungsmöglichkeiten für Schwule zu schaffen, Alternativen zur nicht gerade aufregenden Karlsruher Szene anzubieten und so eine „schwule Gemeinschaft“ in Karlsruhe entstehen zu lassen, auf der anderen Seite aber damit eine politische Außenwirkung zu verbinden, eine Öffentlichkeit zu schaffen, um Vorurteile abbauen zu helfen und Einstellungen in der Bevölkerung, bei Politikern und in den Medien zu verändern. 1990 war gewissermaßen ein Höhepunkt erreicht: Wir hatten den Südwest-deutschen CSD in Karlsruhe organisiert, mit Demo und Party, waren im Gespräch mit Stadtverwaltung und Polizei bezüglich Gewalt gegen Schwule, hatten Feste und Diskussionsveranstaltungen durchgeführt, den Kontakt zu Schwulengruppen in Halle aufgenommen und anderes. Besonders spektakulär war unsere Ballon-Aktion bei der Wiedervereinigungsfeier auf dem Marktplatz, mit der wir einige Diskussionen in der Öffentlichkeit auslösten: Wir ließen ein großes Transparent mit Hilfe von unauffällig mitgebrachten Heliumballons steigen, auf dem stand „Kein §175 im gesamtdeutschen Strafrecht!“

Aber wie kamt Ihr auf die Idee mit “Schrill im April”?

Wir wollten noch weiter gehen, wir wollten noch mehr Leute erreichen als bei unseren vereinzelten Aktionen und Veranstaltungen. Unsere Erwartung war, dass eine Veranstaltungswoche auch überregional größere Beachtung finden würde und dass durch die Vielzahl unterschiedlicher Kulturangebote mehr Schwule aber auch mehr Nicht-Schwule angesprochen würden. Und wir wollten die Kulturwoche zu einem regelmäßigen schwulbewegten Termin für Karlsruhe werden lassen. Ich denke, der Erfolg hat uns Recht gegeben. Schon beim ersten “Schrill im April” waren Veranstaltungen ausverkauft, sogar die Eröffnungsfeier, die mitten in der Woche stattfand. Und mittlerweile gehört “Schrill im April” ja zu den bedeutenden Veranstaltungsreihen schwul-lesbischer Kultur in Deutschland. Andere schwul-lesbische Kulturfestivals entstanden übrigens in derselben Zeit oder kurz danach. Karlsruhe war einmal mehr Trendsetter...

“Schrill im April” feiert in diesem Jahr schon den 10.Geburtstag. Was war anders als heute bei der ersten Kulturwoche?

Vieles. Unsere Organisationsgruppe bestand im Kern nur aus 5 bis 6 Leuten mit recht wenig Erfahrung. Sie nannte sich übrigens „ARSCHKULT“, das war die Abkürzung für „ARbeitskreis SCHwule KULTurwoche“. Wir trafen uns in den WG-Zimmern bei verschiedenen Leuten. Und natürlich hatten wir kein Geld, keine öffentlichen Zuschüsse, keine Rücklagen. Ausgaben im Vorlauf zur Kulturwoche, insbesondere für Werbung und Öffentlichkeitsarbeit, mussten wir sehr knapp kalkulieren, da wir noch keine Erfahrungswerte bezüglich der Einnahmeüberschüsse einer ganzen Veranstaltungswoche hatten. Anzeigen oder gar Titelseiten der “Klappe Auf” waren nicht drin. Stattdessen mussten wir mit kreativen Methoden auf die erste Schrill-Woche aufmerksam machen. Neben den üblichen mehr oder weniger legal geklebten Plakaten haben wir zum Beispiel in einer Nacht-und-Nebel-Aktion große Transparente an der Uni-Mensa und an den Brücken über den Adenauerring angebracht, die sogar mehrere Tage hängen geblieben sind. Schwierig war zudem, dass wir keinen festen Veranstaltungsort hatten. Das Tollhaus in der Schlachthausstraße gab es noch nicht. So mussten wir die Veranstaltungen auf unterschiedliche Orte verteilen, Studentenhaus an der Uni, Gewerbehof und auch andere Veranstalter miteinbeziehen, z.B. die Schauburg. Und natürlich hatten wir beim ersten Mal reichlich spät mit dem Organisieren angefangen, das erste Arschkult-Treffen war Mitte Dezember 1990.

Heute ist das Publikum bei “Schrill im April” sehr gemischt. Wahrscheinlich sind so ziemlich alle möglichen sexuellen Orientierungen vertreten.

Das war 1991 schon noch anders. Zunächst war “Schrill im April” am Anfang eine rein schwule Veranstaltungswoche, die Lesben sind erst später dazugekommen. Zudem waren die heterosexuellen Mitmenschen, die wir zu Beginn für unsere Veranstaltungen gewonnen hatten, doch meist die besten Freundinnen von schwulen Gästen oder Darstellern. Im wesentlichen war schwul unter sich, man kannte sich. Die Veranstaltungen waren Treffen der erweiterten schwul(bewegten) Gemeinschaft von Karlsruhe.

Was gab es für offizielle Reaktionen? Wie war 1991 die Resonanz bei den Vertretern des öffentlichen Lebens?

Wir wollten damals Veranstaltungen in Uni-Räumen durchführen, und zwar im Alten Stadion. Dafür benötigten wir die Genehmigung des Rektors, was normalerweise eine reine Formalität war. In diesem Fall wurden wir jedoch aufgefordert, unser Anliegen schriftlich zu begründen und wurden anschließend gemeinsam mit dem AStA-Vorsitzenden zum persönlichen Gespräch mit dem Rektor geladen. Offenbar fürchtete Herr Prof. Kunle um seinen guten Ruf, machte sich Sorgen, dass Horden schwuler Männer nächtens durch seine Uni irren. Er muss merkwürdige Phantasien darüber gehabt haben, was bei einer schwulen Kulturveranstaltung passiert. Auf jeden Fall wurde die Genehmigung so lange hinausgezögert, dass wir auf andere Räume ausweichen mussten, konkret in den Festsaal des Studentenhauses, der, obwohl auch auf dem Unigelände, doch außerhalb der Jurisdiktion des Rektors lag. Das Studentenwerk als Eigentümer hatte weniger Berührungsängste.

Einige wenige mutige Stadträtinnen waren schon bei der ersten Schrill-Woche dabei, was wir Ihnen hoch angerechnet haben. Es konnte seinerzeit aber keine Rede davon sein, dass das halbe Rathaus und ein großer Teil des Gemeinderates zur Eröffnung von “Schrill im April” kommt, wie das heute ist.

Und die Medien hielten sich vermutlich auch bedeckt?

Die alte Tante BNN hatte damals noch große Probleme mit den Schwulen. Doch immerhin wurden wir erstmals zu einem Interview geladen. Und das Interview wurde tatsächlich abgedruckt, mitsamt Programm, allerdings unter dem aufschlussreichen Titel: „Homosexualität einmal anders problematisiert“. Es war aber schon ein gewaltiger Fortschritt, dass die Karlsruher Lokalzeitung überhaupt berichtete. Vorher tauchten Schwule in den Badischen Neuesten Nachrichten nur auf den Seiten „Vermischtes“ auf. Dort war dann meist von „Homosexuellenmilieu“ die Rede.

Plaudere doch mal ein bisschen aus dem Nähkästchen. Was waren die größten Pannen bei “Schrill im April”?

“Schrill im April” begann mit einer Riesenpanne. Zur Eröffnung 1991 sollte neben den Schrillmännern Melitta Sundström singen, die einen arroganten, aber unfähigen Techniker aus Berlin mitgebracht hatte. Der hatte bei der Verkabelung Mist gebaut, auf jeden Fall gingen nach stundenlanger „Arbeit“ zum offiziellen Start der Veranstaltung weder Licht noch Ton! Wir mussten die Zuschauer der Eröffnungsveranstaltung dieser ersten Schrill-Woche im Treppenhaus des Studentenwerkes mit Frei-Sekt über eine Stunde bei Laune halten. Und sie haben geduldig ausgehalten. Mittlerweile hatten wir einen sehr hilfsbereiten heterosexuellen Techniker aus dem Substage geholt, der noch mehr Kabel mitbrachte und damit die Technik in Ordnung brachte. 

Es gab noch mehr Pannen 1991. Bei der Disco am Samstag stellte der Hausmeister des uns doch eigentlich wohl gesonnenen Studentenwerkes entgegen jedweder Vereinbarungen einfach den Strom ab. Wir hatten die Zeit überzogen, seine Studenten sollten nun Ruhe bekommen. Wahrscheinlich hat ihm die Musik nicht gefallen.

Du lebst inzwischen in Berlin, bist aber immer wieder bei “Schrill im April” zu Gast. Was empfindest Du heute, wenn Du zu “Schrill im April”-Veranstaltungen im Tollhaus bist? 

Natürlich empfinde ich einen gewissen Stolz, dass sich dieses Projekt über die vielen Jahre gehalten hat. Ich finde es beeindruckend, wie sich “Schrill im April” gerade durch die Zusammenarbeit mit dem Tollhaus weiterentwickelt hat. Toll finde ich auch, dass Schwule und Lesben hier seit Jahren erfolgreich zusammenarbeiten, leider immer noch keine Selbstverständlichkeit in diesem Land. Alles macht einen sehr professionellen Eindruck, gute Vorbereitung, viele Helfer, viele neue Ideen, aber auch noch einige Überreste aus der Anfangszeit, wie zum Beispiel die traditionelle Veranstaltung mit den Schrillmänner und zwischenzeitlich auch den WEIBrations. Das Publikumsinteresse scheint riesengroß, Zeitungen, Rundfunk und sogar das Fernsehen berichten. Ein wenig ging mit dieser Professionalisierung aber doch auch die Atmosphäre der Anfangszeit verloren (und die „studentisch“ geprägten Eintrittspreise). Damals gab es eben diese tolle „wir-sind-eine-große-Familie“-Stimmung.

  
 
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